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Leuchtende Augen

Geschrieben von Thorsten Reimnitz



„How can the light that burned so brightly
Suddenly burn so pale?”
Mike Batt: „Bright Eyes”



Nachdem der Copter Hurdel wieder auf dem Oberdeck seiner ATLANTICA abgesetzt hatte, rauschte dieser an seiner leitenden Ärztin vorbei. „Bürokratische Idioten!“, brummte er sie an.
„Mir geht es wieder besser, danke der Nachfrage“, gab sie zurück. Doch der Captain war schon die Treppe herunter auf dem Zwischendeck und ging direkt in die kleine Kabine, die dem Führungsoffizier vorbehalten war. Sie war klein, aber mehr, als man den Untergebenen zugestand. Sie war mit einem Bett, einem Schreibtisch und einem Schrank ausgestattet. Hurdel trat an den Schreibtisch und drückte einen Knopf, worauf ein Bildschirm aus der Tischplatte hochfuhr und eine Tastatur sichtbar wurde.

Das Team trennen, ging es ihm durch den Kopf. Die haben doch einen an der Waffel!

Er rief sein persönliches Nachrichten-Konto bei der Raumflotte auf und tippte eine kurze Nachricht:
„An: Carrington, Eryna
Ery, wo steckst Du? Ich brauche dringend Deine Hilfe!
Gruß, James“

Er hatte die Nachricht gerade abgeschickt, als ihm auffiel, dass er eine Mitteilung von seiner Schwester erhalten hatte. Er solle sich zu Hause melden, möglichst schnell. Was war das denn? Er öffnete den Kommunikationskanal und wählte den Anschluss seiner Schwester. Es dauerte einen Moment, dann erschien ihr Gesicht auf dem Bildschirm. James wunderte sich, wie übermüdet sie aussah.
„Hey, Schwesterchen, was ist denn los?“, begrüßte er sie.
Sie seufzte. „Setz Dich erst mal hin.“



Auf ihre bekannt liebenswürdige Art hatte Kl’AmbH an Bord ihrer ATLANTICA die Führungsoffiziere zusammengerufen.
„Wir haben ein Problem!“, begann sie ohne Umschweife. „In Ermangelung von Personal hat die Raumflotte ein paar Beförderungen rausgehauen und eine davon hat mich getroffen. Wenn uns nichts Gutes einfällt, werden wir die Kommandoebene der EUROPE umstrukturieren müssen.“
Sie schwieg bedeutungsvoll. Commander Frank hob abwehrend die Hände: „Schauen Sie mich nicht so an! Ich fühle mich ganz wohl auf dem Posten, wo ich bin!“
Dann fixierte die Eredemi einen Mann mittleren Alters mit schütterem Haar, der scheinbar unbeteiligt im Eck stand. „He, Winkeladvokat“, sprach sie ihn an. „Fällt Ihnen nichts ein?“
„Schwierig!“ Advokat Märten, der Rechtsbeistand der EUROPE, geriet ins Grübeln. „Nach den Vorschriften der Flotte sind Offiziere ab dem Admiralsrang aus dem aktiven Dienst zu entnehmen und übergeordneten Führungsaufgaben zuzuführen. Es gab bisher nur einen Offizier, der sich dem erfolgreich widersetzt hat: R. A. Derron. Aber er hat seine guten Verbindungen zur Führungsebene ausgenutzt. Andererseits…“ Er begann zu grinsen. „Wir sind ein Schiff des diplomatischen Korps. Nach Paragraf 16 Absatz 6 Satz 2 des interplanetaren Diplomatieabkommens der Flotte sind solche Schiffe von besonders verdienten und zuverlässigen Offizieren zu kommandieren. Diplomatie ist eine schwierige Sache, besonders in schwierigen Zeiten wie diesen. Als Admiral können Sie darauf bestehen, die EUROPE zu Ihrem Kommandoschiff für diplomatische Missionen zu machen. Das bedeutet, dass Sie trotz des erweiterten Rangs Führungsoffizier des Schiffes bleiben. Admiral in Funktion des Captains sozusagen. Ich kann Ihnen da gern das entsprechende Schreiben aufsetzen.“
„So machen wir das!“, beschloss Kl’AmbH. „Gut, ein Problem weniger. Wir werden bald weiterfahren, deswegen… lassen Sie mich Ihnen noch von den besonderen Anweisungen berichten, die die Flottenleitung für uns hat.“
Sie schüttelte den Kopf. Was sie gleich sagen würde, war ihr noch immer unfassbar. Aber es war so.



Das gleiche galt für die Besatzungen aller fünf ATLANTICA-Schiffe. Man war gelinde gesagt etwas überrascht, als man von den Anweisungen der Admiralität hörte. Aber man würde sich fügen müssen. Befehle wurden nicht debattiert.
Auf den fünf Schiffen hatte hektische Betriebsamkeit eingesetzt. Die Zielkoordinaten wurden nochmals abgeglichen und die Navigatoren sprachen sich über Funk ab, wie der Rest der Route verlaufen sollte. Doch plötzlich kam ein Signal von der MENES – alle Aktivitäten waren vorerst gestoppt. Dann hob ein Atmosphärengleiter von dem Träger ab und flog herüber zur ATLANTICA 3. Er ging hinter dem Heck, knapp über der Wasseroberfläche in Schwebflug und öffnete die seitliche Schleuse. Die Besatzungen der anderen Schiffe sahen neugierig herüber und erkannten James Hurdel, der von seiner medizinischen Leiterin und der ersten Offizierin begleitet wurde. Dann stieg er in den Gleiter um. Eine Tasche wurde ihm nachgereicht. Mit offener Luke schwebte der Gleiter herüber zur ATLANTICA 4, wo sich Yana Arbowski einfand und ihrerseits einstieg. Dann wurde die Luke geschlossen und das Fluggerät entfernte sich rasch.
Perry Card hatte das ganze vom Zwischendeck aus beobachtet. Auf dem Zwischendeck der ATLANTICA 5, die genau neben der 4 lag, hielt sich Feas von Sinat auf. Perry kannte ihn, daher sprach er ihn an.
„Hey, Feas“, rief er herüber. „Weißt Du, was los ist?“
Der Quysthali kam an die Reling heran, so dass er sich in normaler Lautstärke mit Perry unterhalten konnte. „Schlechte Nachrichten von zu Hause“, erklärte er.
Card antwortete nicht. Er musste an seine eigene Situation denken. Es war etwa ein Jahr her, als…
„Wie hast Du es inzwischen verarbeitet?“, unterbrach Feas seine Gedanken.
„Ich weiß nicht. Gut, denke ich“, gab der Angesprochene zurück. „Sofern man sowas gut verarbeiten kann.“
Der Quysthali deutete in die Richtung, in der der Gleiter verschwunden war. „Du siehst“, stellte er fest, „dass es jeden treffen kann. Das Leben unterscheidet da nicht groß.“ Nun fand er, dass es an der Zeit war, das Thema zu wechseln. Zeit, von der Vergangenheit in die Gegenwart zu kommen. „Ich habe gehört“, sagte er daher nach einer kurzen Pause, „dass Du Dich für einen Kurs angemeldet hast und jetzt etwas nervös bist?“
Card riss die Augen auf. „Etwas ist gut“, meinte er.
„Unsere Ängste“, erzählte Feas, „sind wichtig, denn sie warnen uns vor Gefahren. Aber wir dürfen nicht zulassen, dass sie uns völlig unter ihre Kontrolle nehmen. Befrei‘ Dich vom Irrationalen. Du wirst das schon schaffen!“
Er lächelte. In dem Moment waren wieder die Reaktoren der ATLANTICA-Schiffe zu hören, die einer nach dem anderen hochgefahren wurden. Es sollte also weitergehen, weiter ins Zielgebiet. Feas klopfte Perry auf die Schulter und wandte sich ab. Card sah ihm nach.
Du hast gut reden, dachte er.