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Vorwort

Geschrieben von Thorsten Reimnitz




Ich war dabei, als für das Sonnensystem ein neues Zeitalter heraufdämmerte, etwa ein Jahr nach dem Krieg zwischen den Solarern und den Ceel’u. Bei den Cerunniern, die auf dem Jupiter-Mond Europa leben, gibt es eine Redewendung, die sich auf den Mythos vom „Garten des Lebens“ bezieht: Wird ein Lebewesen geboren, wächst an diesem mystischen Ort ein Baum, der wiedergibt, was der Person im Leben wiederfährt. Entweder er wächst und gedeiht, oder aber er verkümmert.
In diesem Garten, so heißt es, leben zudem zwei Vögel, ein schwarzer und ein weißer. Der weiße Vogel ist klein und wendig, er setzt sich ab und zu auf einen Lebensbaum, pickt ein paar verdorrte Äste oder Früchte heraus und geht wieder. Nach dem Glauben der Cerunnier verursacht das bei demjenigen, zu dem der Baum gehört, Glück im Leben. Der schwarze Vogel hingegen ist groß und plump. Er kann nicht weit fliegen und muss sich immer lange ausruhen. Sitzt er auf einem Lebensbaum, dann zerrupft er das Geäst und zerstört die besten Triebe. Außerdem werfen die weiten Flügel einen dunklen Schatten über den Lebensbaum, so dass dessen Wachstum behindert ist. Das bringt Unglück im Leben.
Will man einem Freund etwas Gutes wünschen, so sagt man: „Möge der weiße Vogel lange im Geäst Deines Lebensbaums wohnen!” Das bedeutet, man wünscht dem anderen eine lange Glückssträhne.
Hat einer eine Glückssträhne, so sagt man: „Der weiße Vogel wohnt derzeit im Geäst seines Lebensbaums.”
Ist jemand ein wahres Glückskind, so sagt man: „Sein Lebensbaum ist der Lieblingsruheplatz des weißen Vogels.”
Wenn jemand einmal Pech hat, sagt man: „Der Flügel des schwarzen Vogels hat seinen Lebensbaum gestreift.”
Wenn jemand eine Pechsträhne hat, sagt man: „Der schwarze Vogel hockt auf seinem Lebensbaum.”
Wenn jemand aber ein wahrer Pechvogel ist, sagt man: „Der schwarze Vogel hat in seinem Lebensbaum ein Nest gebaut.”
Und wenn eine Katastrophe hereinbricht, dann sagen die Cerunnier: „Dies ist die Stunde des schwarzen Vogels!“
Wir haben ein wahres „Jahr des schwarzen Vogels“ erlebt, seit zum ersten Mal die Raumschiffe der Ceel’u im Sonnensystem aufgetaucht waren. In blindem Gehorsam folgten sie dem Ruf ihrer Anführer und hinterließen eine Spur der Zerstörung, bis der Opfergang von Präsident D’Oridan die Invasion schlagartig beendete.
Doch damit nicht genug: Skrupellose Elemente hatten nichts besseres zu tun, als aus der Situation Kapital schlagen zu wollen. Das Ende des Konflikts machte ihnen einen Strich durch die Rechnung und stürzte die solaren Finanzmärkte ins Chaos. Hatte der Krieg schon genug Opfer gefordert, so forderte diese Krise noch mehr. Die völlig überforderten Regierungen der Planeten begannen hektisch in Aktionismus zu verfallen und vergaßen darüber das Wohl der eigenen Bevölkerung. Erst jetzt, ein Jahr später, ist es uns erlaubt, leicht aufzuatmen. Aber es ist noch nicht vorbei.
Die interplanetare Raumfahrtorganisation ASTROCOHORS war am Ende des Krieges ebenso am Boden wie das Sonnensystem selbst. Viele Schiffe wurden zerstört und selbst die zentrale Raumstation EM-001 wurde so schwer beschädigt, dass es noch wenigstens ein Jahr dauern wird, bevor sie wieder voll einsatzklar sein wird. Aber das darf uns nicht verzagen lassen. ASTROCOHORS hat ein Wiederaufbauprogramm gestartet, die Flotte, Space Cruise, ICN, alles das soll zu gewohnter Stärke zurückfinden, denn das ist nötiger als je zuvor. Jetzt stehen unsere Chancen gut, mit Hilfe der Konföderation im Sonnensystem einen Neuanfang zu wagen und kleinliche Streitigkeiten hinter uns zu lassen.
Leider habe ich das unbestimmte Gefühl, dass das nicht sehr einfach sein wird. Wir tun es trotzdem, denn wie heißt es doch? Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer.

3. Oktober 2434
Feas von Sinat
Q.