Wer war der Narr?
Geschrieben von Thorsten Reimnitz
„Who was the fool who said that only women bleed?
Cause I am the fool who knows, it isn’t true.
Who was the fool who said that love is all you need?
I’ve got love, but it’s no good for me, cause it’s love for you.“
Mike Batt: „Who was the Fool?“
Der Raum war angenehm warm temperiert. James Hurdel lang bäuchlings, nur noch mit seiner Unterhose bekleidet, auf der Liege eines Raumes des Erholungszentrums von Bislasa Neát. Der Raum trug die Bezeichnung „Virgo“.
Wie passend, fand Hurdel. Immerhin ist das ja auch mein erster Besuch hier.
Er war fast vierzig Jahre alt, hatte braune Haare und blaue Augen. Und er war der Kommandant der EM-001, die zentrale Raumstation der Konföderation der Planeten. Freihafen, Umschlagzentrum, Kommandozentrale und noch vieles mehr, alles auf einmal und gleichzeitig. Sie stand im Orbit von Europa, womit der Jupiter-Mond faktisch zum Mittelpunkt des Sonnensystems geworden war. Auf der Station gab es ständig viel zu tun. Nur jetzt gerade nicht, da die Nachwirkungen des Sagittarius-Konflikts noch andauerten und sich die EM-001 gerade im Reparaturmodus befand. Die Zeit, die Hurdel nun hatte, wollte er ausnutzen, um sich von den vergangenen Wochen zu erholen und etwas für sich zu tun. Wie das hier.
Eine junge Dame, vielleicht fünfundzwanzig Jahre alt, kam zur Tür herein. Sie trat an einen knapp einen Meter hohen Seitenschrank heran, in dessen Oberseite ein Waschbecken eingelassen war. Während sie ihre Hände reinigte, warf sie einen Blick auf den Bildschirm, der über dem Schrank an der Wand angebracht war.
„Hurdel?“, fragte sie, ohne sich umzudrehen. „Sind Sie verwandt mit dem Kommandanten der EM-001?“
„Nicht so richtig“, antwortete Hurdel. „Ich bin es selbst.“
Die Frau trocknete ihre Hände ab. „Nun, in dem Fall willkommen zu Ihrem ersten Besuch in unserem Erholungszentrum.“
„Ich stellte schon fest, dass der Name des Raums für meinen ersten Besuch hier passend gewählt ist.“
„Ach ja?“
„Ja. Virgo – die Jungfrau. Sie verstehen?“
„Ach so.“
Sie öffnete den Schrank und nahm ein Handtuch heraus. Sie entfaltete es und legte es James über die Beine. Dann nahm sie ein durchsichtiges Gefäß, in dem sich eine Flüssigkeit befand, aus einem Gerät, das neben dem Waschbecken gestanden hatte.
„Mein Name ist Jana“, erklärte sie. „Ich werde jetzt anfangen, Sie zu massieren.“
Sie leerte etwas von der Flüssigkeit in ihre offene Hand und stellte das Gefäß wieder in das Gerät zurück. Anschließend verteilte sie die Flüssigkeit mit sanften Bewegungen auf dem Rücken des Captains.
Vorgewärmtes Massageöl, schwärmte jener im Gedanken. Ich bin jetzt schon begeistert.
„Was haben Sie denn mit Ihrem Rücken gemacht?“, hörte er Janas Stimme fragen.
„Ich war nicht immer Stationskommandant“, antwortete James. „Ich war Arzt, hatte viel körperlich zu arbeiten. Und bin nie dazu gekommen, auch mal etwas für mich zu tun. Und seit ich Kommandant bin, auch nicht mehr. Vor allem die letzte Mission war sehr anstrengend und sehr ungewöhnlich.“
„Normalerweise würde ich mich freuen, mehr darüber zu hören“, kam es zurück. „Aber ich fürchte, da reichen die fünfzig Minuten, die für diese Sitzung angesetzt sind, nicht. Außerdem sollten Sie nicht so viel erzählen, sondern mehr entspannen. Und ‚entspannen‘ ist das Gegenteil von dem Zustand, in dem sich Ihr Rücken befindet. Merken Sie das?“
Sie drückte mit dem Daumen auf eine Stelle unterhalb seines rechten Schulterblatts. Das war schmerzhaft, außerdem fühlte es sich an, als würde dort eine Walnuss unter der Haut sitzen.
„Au!“, machte Hurdel. „Ja, ich merke es.“
„Sie haben ein paar solcher Stellen an ihrem Rücken. Wollen mal sehen, was wir da tun können. Anschließend würde ich Ihnen unsere Sauna empfehlen. Und in Zukunft sollten Sie versuchen, mehr für sich zu tun.“
Janas Hände wanderten über James‘ Rücken, wobei sie verschiedene Massagegriffe anwandte.
„Wie kommt den ein Arzt dazu, eine Raumstation zu kommandieren?“, wollte sie plötzlich wissen.
„Eben sagen Sie noch, dass uns die Zeit nicht reicht“, entgegnete Hurdel, „und jetzt wollen Sie auf einmal meine Lebensgeschichte hören?“
„Die Kurzfassung. Ich bin eben neugierig.“
„Ich bin vor zweiundzwanzig Jahren auf die Akademie der Raumflotte gegangen und wollte den Weg zur Schiffsführung einschlagen. Nun hatte ich das Pech, während einer Übung den Kommandanten einer Bodenstation spielen zu müssen, als aus dem Spiel Ernst wurde und wir von realen Feinden angegriffen wurden. Das hat mich sehr zum Nachdenken gebracht, also habe ich den Nebenkurs Biologie, den ich gemacht habe, zum Hauptkurs gemacht und bin auf Medizin umgeschwenkt. Da habe ich auch recht lange gearbeitet, zuerst auf der EUROPE, später auf der HOOD, dann hat man mich gnädigerweise zum medizinischen Leiter einer neuen Schiffsklasse befördert. Dabei geriet ich wieder in so eine Geschichte, in der ich meine Führungsqualitäten beweisen musste. Das war einigen Verantwortlichen offenbar genug, um mir den Posten der EM-001 anzubieten. Und ich wäre ein Dummkopf gewesen, nicht anzunehmen. Ende dieser Geschichte.“
„Das war jetzt aber eine sehr kurze Fassung.“
„Dann warten Sie ab, bis ich meine Memoiren herausbringe. Da können Sie dann alles nachlesen.“
„Oder sie kommen einfach häufiger her. Das täte Ihrem Rücken gut und Sie könnten mir jedesmal eine neue Episode Ihres Lebens erzählen.“ Sie hielt inne. „Haben Sie denn keine Massagekräfte auf der Station? Ich meine, in Ihrer Position sollte die Flotte doch alles tun, um Ihre Arbeitskraft zu erhalten.“
Hurdels Rücken unter ihren Händen begann zu beben. Sie war irritiert, doch dann merkte sie, dass das daran lag, dass er lachte. „Das war ein richtig guter Witz“, amüsierte er sich. „Verzeihen Sie meine Wortwahl, aber die Flotte gibt einen Rotz darauf, ob meine Arbeitskraft erhalten bleibt oder nicht. Wenn ich nicht mehr kann, werde ich ersetzt. So einfach ist das. Eigentlich war das in allen Positionen und Rängen, die ich durchgemacht habe, so. Ja, wir haben Massagekräfte auf der Station, aber die müssen wir selbst zahlen. Höchstens wenn jemand eine ernsthafte Erkrankung hat, dann kriegt er vielleicht etwas verschrieben. Ich kam hierher, weil ich von dem Ruf, den Bislasa Neát hat, gehört habe.“
Bislasa Neát war eine Art Klosteranlage. Ihr Name bedeutete in der Sprache der ursprünglichen Einwohner von Europa „Ort der Heilung“. Man konnte herkommen auf den Jupiter-Mond und sich behandeln lassen oder als Mediziner Studien betreiben. Bislasa Neát war bekannt für seine riesige medizinische Bibliothek, die einen großen Teil des gesamten Wissens des Sonnensystems umfasste. Nachdem die Zukunft des Klosters ungewiss gewesen war, waren die Ritter der Ehre gekommen und hatten es übernommen. Sie führten es im Geist der ursprünglichen Bewohner weiter, sammelten Wissen und Weisheit und begrüßten Gäste, die für eine Auszeit herkamen, egal wie kurz diese sein mochte.
„Nun, Captain“, stellte Jana fest, „diese Behandlung müssen Sie auch selbst zahlen, nicht wahr? Vielleicht sollten Sie den Leuten auf Ihrer Station eine Chance geben.“
„Wenn ich die Zeit dazu finde...“
Die Masseurin stellte sich direkt vor ihn, um so von oben her seine Schultern besser erreichen zu können.
„Wenn etwas wichtig ist, Captain“, sagte sie beinahe streng, „dann nimmt man sich die Zeit. Ihr Körper hat Ihnen bisher gute Dienste geleistet. Er verdient es, dass Sie gut mit ihm umgehen. Und da Sie das Sagen haben auf der Station, sollten Sie Ihren Untergebenen die gleiche Möglichkeit geben.“
„Das hat sie gesagt?“
Isabella Wlczek sah James überrascht an. Sie war eine vierunddreißigjährige, schlanke Frau mit braunen Augen und dunklen Haaren, die leicht rötlich schimmerten. Die Haare hatte sie zu einem Knoten am Hinterkopf zusammengedreht, so dass man nicht sehen konnte, wie lang sie wirklich waren. Sie war Hurdels Stellvertreterin auf der EM-001. Jetzt, nachdem sie diesen Satz gesagt hatte, wandte sie sich von ihrem Gesprächspartner ab und drehte sich wieder so, dass die Düse, die sich knapp unterhalb des Wasserspiegels des Beckens befand, ihre ganze Kraft auf ihre Schultern richtete.
„Das hat sie gesagt“, wiederholte der Captain. „Es hat mich etwas nachdenklich gestimmt. Weißt Du, nur weil wir für die Flotte nur Nummern und Kostenfaktoren sind, heißt das noch lange nicht, dass wir unsere Untergebenen auch so behandeln müssen.“
Er bewegte sich hin und her. Die Düse, vor der er stand, war tiefer angebracht, ungefähr auf Kniehöhe. Nach der Massage tat es sehr gut. Isabella und er befanden sich in den Solebädern von Bislasa Neát. Die Salzquelle war der Grund gewesen, warum das Kloster ausgerechnet an dieser Stelle errichtet worden war. Die Bäder waren weithin bekannt.
„Das ist schon richtig“, nahm Isabella seinen Gedanken auf, „aber was weiter? Sicher wäre es zu begrüßen, wenn die Flotte ihren Leuten die Erhaltung der eigenen Arbeitskraft bezahlen würde, aber sie tut es nicht. Daran werden wir nichts ändern.“
„Schon, aber wir haben doch Möglichkeiten. Auf der Station werden die verschiedenen Einrichtungen von Firmen betrieben, Massagezentren, Fitnessstudios und dergleichen. Wenn wir mit den Leuten reden, können wir für unsere Untergebenen vielleicht Vergünstigungen erwirken.“
„Du meinst, weil wir damit argumentieren können, dass dann mehr von unseren Leuten kommen?“
„Genau so. Das Stationspersonal arbeitet hart, es wäre doch gelacht, wenn wir nicht irgendetwas zu dessen Gesundheit beitragen könnten.“
Isabella nickte. Die Massagedüsen wurden abgeschaltet. Sie und James verließen das Becken und gingen hinab auf die untere Ebene, wo es ein kleines Becken gab, in dem das Wasser 12 % Sole enthielt. Man konnte sich auf die Wasseroberfläche legen und sich treiben lassen. Allerdings musste man sich am Rand des Beckens festhalten, denn durch die Düsen, über die frisches Wasser ins Becken gepumpt wurde, entstanden Strömungen und man musste darauf achten, nicht mit anderen Badegästen zusammen zu stoßen. James wollte sich gerade hinlegen, als Isa ihn ansprach.
„Warte“, meinte sie, „leg Dich hin und lass den Rand los. Und Augen zu!“
Er tat, was sie gesagt hatte. Nachdem er sich auf die Wasseroberfläche gelegt und die Augen geschlossen hatte, spürte er ihre Hände in seinem Genick. Sie hielt ihn vorsichtig fest, damit er nicht mit den Strömungen trieb, sich aber völlig entspannen konnte.
Und das tat er. Es dauerte nicht lange, und ein wohliger Zustand stellte sich ein. Gedanken, die kamen, wurden in Watte gepackt und erst einmal weggestellt. Das Universum hörte auf zu existieren. Es gab nur noch das warme Wasser und die vorsichtige Berührung von Isas Händen.
Wie lange er so dagelegen war, konnte er nicht mehr sagen, als Isa ihm auf die Schulter tippte. Äonen oder Sekundenbruchteile, das machte keinen Unterschied mehr. Er war völlig entspannt und erhob sich.
„Okay“, lächelte er. „Jetzt Du!“
Isa lächelte zurück und legte sich hin. James stellte sich hinter sie und fuhr mit beiden Händen unter ihr Genick und ihre Schultern. Er merkte sehr schnell, was er tun musste, damit sie an der Position blieb, an der sie war und nicht mit einem der anderen Badegäste zusammenstieß. Die Entspannung, die kurz darauf eintrat, war deutlich in Isas Gesicht zu sehen. James seufzte. So viel hatten sie gemeinsam erlebt, doch was würde jetzt werden? Große Veränderungen standen an nach dem Krieg, das war ihm bewusst.
Doch jetzt sah alles so friedlich aus. James erwischte sich bei dem Gedanken, ob er und Isa wohl ein gutes Paar abgäben. Was war denn nur los? Wahrscheinlich war das in letzter Zeit alles ein bisschen viel gewesen. Und er fühlte sich unvollständig, mehr denn je. Er hatte keine Ahnung, wie es weitergehen würde. Aber da war es mit Sicherheit nicht der Einzige. Im Gegenteil, gerade in der Situation, in der sich das Sonnensystem befand, gab es sicherlich unzählige Bewohner, denen es ähnlich ging, wenn auch nicht aus den selben Gründen. Hurdel verlor sich so in seinen Gedanken, dass er die Zeit nicht bemerkte, die verstrich.
Plötzlich öffnete Isa die Augen. Sie erhob sich. „Du wolltest mich wohl länger schwimmen lassen?“, meinte sie lächelnd. Dann drückte sie James einen Kuss auf die Wange. „Danke!“
Dieser atmete tief durch. „Lass uns was essen“, schlug Isabella vor.
Die beiden verließen das Becken. Ein paar Minuten später saßen sie, in weiße Bademäntel gehüllt, an einem Tisch des Restaurantbereichs der Bäderanlage. Das Essen wurde hier von wirklichen Köchen zubereitet und war weithin berühmt. Nachdem eine Kellnerin die Bestellung aufgenommen hatte, begannen sie, dienstlich zu werden.
„Wie sieht es aus?“, wollte Hurdel wissen. „Wie weit ist die Station? Wird der Zeitplan eingehalten werden?“
„Das dürfte möglich sein“, antwortete Isabella. „Aber es bleibt dabei: Zwei Jahre wird es dauern, bevor ein regulärer Betrieb wieder möglich ist. Hast Du etwas von Beatriz gehört?“
„Das ist schon länger her. Ihrem Vater ging es nicht gut und sie hat den Urlaub genutzt, um bei Ihrer Familie auf der Erde zu sein. Kann sein, dass sie verlängert.“
„Wir müssen einige Umstellung in der Stammbesatzung vornehmen. Nicht nur, dass wir gerade eine ziemliche Fluktuation haben, außerdem wurden zwei Abteilungen, die Technik und die Operatings, zu einer zusammengelegt. Kostengründe. Auch wenn die Station nicht voll einsatzklar sein wird, die Arbeit geht nicht aus.“
„Das habe ich sowieso nicht erwartet. Es ist immerhin die EM-001. Die EM-001!“
„Wir kriegen außerdem noch eine Kadettin als Praktikantin für die Kommandostation“, fügte Wlczek hinzu.
„Auch noch? Wie soll ich mir nur die ganzen neuen Namen merken?“
Sein Gegenüber verzog den Mund. „Versuche doch, Dir mit den Namen Eselsbrücken zu bilden.“
„So? Und wie heißt unsere neue Praktikanin?“
Isabella bückte sich und griff in die Umhängetasche, die neben ihr auf dem Boden stand. Sie holte ein kleines, rechteckiges Gerät mit einer schwarzen Hülle heraus und aktivierte es.
„Wow“, meinte Hurdel, als er es sah. „Sind das die neuen Multigeräte?“
„Ja“, kam es knapp zurück. „Sind etwas breiter als die Alten, aber dafür nicht so dick.“
Das Multigerät war Kommunikationseinheit, Datenbank und Kleincomputer in einem und verfügte dazu noch über eine Kamera.
„Und es gibt sie auch in Silber“, fuhr sie fort, während sie das Gerät aufklappte und sich über dessen Oberfläche eine holografische Projektion bildete. Sie rief ein paar Daten ab.
„Also, für Deine Eselsbrücke: der Name unserer Kadettin ist Friederike Brockhaus.“
Hurdel sah sie mit großen Augen an. „Tut mir leid“, stellte er fest, „dazu fällt mir nichts ein.“
Isabella zuckte mit den Achseln. Dann wechselte sie das Thema. „Unabhängig davon, wir haben einige Posten neu zu besetzen. Vor allem jetzt, da die Wissenschaft auch noch dazu gekommen ist.“
James wurde hellhörig. „Wissenschaft?“
„Weißt Du das nicht? Hast Du denn nicht vor fünf Tagen das Update gekriegt?“
„Nein, habe ich nicht. Oder redest Du von Malin?“
„Nein. Dass Malin gehen würde, war ja schon sehr bald klar. Es ist nur wegen Katerina, die vorgesehen war, ihren Posten zu übernehmen.“
„Katerina? Was ist mit Katerina?“
Sie antwortete nicht. Stattdessen sah sie ihn nur an.
„Also sie auch“, murmelte er schließlich. „Damit rückt Pjotr in der Reihe auf. Wir brauchen nur noch einen Stellvertreter für ihn.“
„Da ist noch was.“ Isabella wirkte verlegen, doch in diesem Moment kam der Kellner und brachte die Getränke. Dann nahm er die Essensbestellung auf. Nachdem er endlich wieder weg war, nahm die junge Frau das Gespräch wieder auf. „Meine Position soll geändert werden“, sagte sie. „Weißt Du was davon?“
„Selbstverständlich“, meinte Hurdel mit dem Brustton der Überzeugung. „Ich habe Dir schließlich eine gute Bewertung gegeben.“
„Dass ich auf die USS MOZART versetzt werden soll, war Deine Idee?“
Jetzt erstarrte der Captain vollends. Er blickte Isa mindestens eine Minute regungslos an. Es war, als hätte es in seinem Gehirn einen Kurzschluss gegeben. Wovon redete sie da?
„MOZART?“, war das erste Wort, das es wieder über seine Lippen schaffte.
„Also offenbar nicht Deine Idee.“
„Natürlich nicht! Ich wollte, dass Deine Position verbessert wird, weil Du es verdient hast – aber nicht, dass Du dann gleich in die Walachei versetzt wirst.“
„Die MOZART ist ein Forschungsschiff“, erklärte sie weiter, „die Aufgabe wird sein, für SPACE CRUISE Regionen zu erkunden, zu kartographieren und auf Sicherheitsaspekte zu prüfen. Eine große Chance für meine Karriere.“
Hurdel nahm einen Schluck aus seinem Glas. „Ich habe vor ein paar Tagen mal zu jemandem gesagt, dass meine Besatzung auseinanderbricht, aber dass es so heftig ist, hätte ich nicht gedacht. Ich kann mir ja quasi komplett neue Leute suchen, wenn das so weiter geht. Und es steht immer noch nicht fest, was wir in den kommenden zwei Jahren tun, solange die EM-001 nur auf Sparflamme fährt. Zunächst ist ja nur diese große Übung auf Terra angesetzt.“
„So sieht es aus. In letzter Zeit ist zu viel passiert. Aber manchmal können wir das Tempo des Lebens eben nicht selbst bestimmen.“
Die Kellnerin kam und brachte das Essen.
Drei Stunden später saß Hurdel in dem Zimmer von Bislasa Neát, das er sich gemietet hatte, vor dem Bildschirm seines Computerterminals. Er starrte die schwarze Oberfläche an. Sollte er das wirklich tun? Er wusste doch zu genau, worauf das hinauslaufen würde. Fünf Minuten grübelte er. Dann aktivierte er den Schirm und rief ein Kommunikationsprogramm auf. Er wählte einen Eintrag seines persönlichen Telefonbuchs aus. Es dauerte zehn Sekunden, dann öffnete sich ein Fenster, in dem das Gesicht einer Afro-Terranerin erschien.
„James!“, sagte sie überschwänglich, als sie ihn erkannte. „Schön, dass Du anrufst.“
„Hallo, Aisha!“, sagte James.
Die Dunkelheit wich langsam, und zwar genau in dem Tempo, in dem sich James Hurdels Augen öffneten. Licht kam durch die Fenster in den Raum.
Wo bin ich? Wer bin ich? Warum bin ich hier?
Als er den Kopf hob, knackte seine rechte Schulter, auf die er sich dabei abstützte. Vermutlich waren die philosophischen Fragen direkt nach dem Aufwachen doch etwas zu viel gewesen. Aber sein Gehirn hörte nicht auf, Fragen zu stellen.
Warum liegt auf der Betthälfte neben Dir eine zweite Decke und ein zweites Kissen? Warum hast Du keinen Schlafanzug an?
Die zwei Fragen in Kombination ergaben eine sehr spannende Antwort. Doch die nächste Frage kam schon.
Wo ist Aisha?
Er schob die Decke zur Seite und setzte sich an die Bettkante. Dann fuhr er sich mit beiden Händen durch seine dunkel-blonden Haare. Er sah bestimmt furchtbar aus.
„Computer“, sprach er in den Raum. „Wie spät ist es?“
„Guten Tag, Captain Hurdel!“, antwortete die Stimme des hauseigenen Computers. „Heute ist der 4. Oktober 2434, es ist 8.38 Uhr Standardzeit. Sie haben heute keine Termine.“
Hurdel stand langsam auf und ging zu einem der beiden Fenster seines Zimmers. Der Computer hatte sich nicht geirrt, es war heller Tag. Ein diffuses Licht fiel auf die Klosteranlage, die sich unter ihm ausbreitete.
„Computer“, sagte Hurdel. „Ich hätte gern etwas Musik. Zufällige Wahl.“
Ein Piepton bestätigte den Befehl und kurz darauf war eine Gitarre zu hören. „No one knows what it’s like“, sang eine Stimme, „to be the bad man, to be the sad man – behind blue eyes.“
Der Captain schüttelte den Kopf. Das war ja eine tolle Auswahl, die der Computer da getroffen hatte. The Who am frühen Morgen. „No one knows what it’s like, to be hated, to be fated – To telling only lies.“ Er tappte ins Bad. Als er vor der Dusche stand, wollte er sich ausziehen, merkte allerdings schnell, dass das sinnlos war. Er drehte das Wasser auf und trat unter den Strahl, als es die richtige Temperatur hatte. Was war das für ein Abend gewesen. Nein, er hatte nicht getrunken. James Hurdel trank nie. Aber wer hätte gedacht, dass Aisha tatsächlich noch auf einen Sprung vorbeikommen würde, nachdem er sie angerufen hatte?
Das Lied wechselte seinen Stil. Pete Townshend drehte jetzt richtig auf, eine hart geschlagene E-Gitarre klang durch die Räume. „When my fist clenches, crack it open“, röhrte die Stimme. „Before I use it and loose my cool. When I smile, tell me some bad news, Before I laugh and act like a fool!“ Hurdel trat aus der Dusche und wickelte sich in ein großes Handtuch. Dann nahm er ein kleineres und begann, seine Haare einigermaßen trocken zu rubbeln. Anschließend legte er das große Handtuch wieder ab und zog einen Bademantel an.
„If I swallow anything evil, Put your finger down my throat. If I shiver, please give me a blanket, Keep me warm, let me wear your coat.“
James kämmte seine noch feuchten Haare zu einem Mittelscheitel, dann verließ er das Badezimmer. Wieder ging er zum Fenster. Es muss 4.00 Uhr gewesen sein, als er und Aisha endlich eingeschlafen waren. Am Morgen, wohlgemerkt. Und jetzt war es gerade mal vier Stunden später. Kein Wunder, dass er so gerädert war. Sein Blick fiel auf die Landschaft und ihm kamen ein paar Worte in den Sinn, die vor kurzem jemand zu ihm gesagt hatte: „Nimm doch nur mal die Landschaft von Europa. Wunderschön, nicht wahr? Und stell Dir vor, unsere Vorfahren waren der Überzeugung, Europa wäre ganz mit Eis überzogen. Sie ahnten lange Zeit nichts von der wahren Beschaffenheit der Jupiter-Monde oder irgendeinem anderen Planeten unseres Sonnensystems. Und genauso muss eben auch mal jemand Dich neu entdecken und erkennen, was Du wirklich bist.“ James seufzte. Wenn sie so redete, klang alles so einfach. War es das wirklich?
„No one knows what it‘s like“, klang es aus den Lautsprechern wieder etwas sanfter und von einer leisen Gitarre begleitet, „to be the bad man, to be the sad man, Behind blue eyes.“
In gewisser Weise hatte er es zu „etwas“ gebracht. Er war der kommandiere Offizier der Raumstation EM-001. Und das seit drei Jahren. Das war nicht immer einfach gewesen, denn es gab genügend Leute, die offenbar den Eindruck hatten, dass er nicht an diese Stelle gehörte. Die warteten darauf, dass er einen Fehler machen würde, damit man ihn „abschießen“ konnte. Des Postens entheben. Kommandant zu sein, war schon verantwortungsvoll genug. Aber mit diesen Leuten im Rücken wurde es noch schwieriger. Trotzdem hatte er sich, zumindest seinem Eindruck nach, recht wacker geschlagen. Auch bei der letzten großen Sache, dieser Angelegenheit mit der Sagittarius-Galaxis, dem Ceel’u-Konflikt und seinen Folgen.
Was Hurdel auf dieser Mission gelernt hatte, war, dass nichts so bleibt wie es ist. Nichts in dieser Galaxis, in diesem Universum war beständiger als der Wandel. So war das auch bei ihm. Die Zusammensetzung seiner Crew würde sich ändern. Nicht nur, weil es auf der letzten Mission Opfer gegeben hatte. Auch weil manche sich weiterentwickeln wollten. Das war ihr gutes Recht. Und er? Hatte er Aisha angerufen, weil er genau wusste, worauf es hinauslaufen würde? Er hatte keine Ahnung. Gedankenverloren öffnete er die Tür zum Balkon und ging hinaus. Das diffuse Licht malte rote Flecken an den Himmel. Eine merkwürdige Atmosphäre lag in der Luft.
In dem Moment hörte er hinter sich Geräusche. Aisha war also doch noch da. Wo hatte sie sich nur versteckt gehabt? Egal. Die Dusche hatte nicht wirklich viel geholfen, stellte er fest. Er musste sich noch auf eine andere Weise frischmachen.
Zwanzig Minuten später schwamm er in einem der Becken der Therme von Bislasa Néat. Aisha wollte nachkommen, also war er noch immer allein. Und so fing er an, Gedanken zu wälzen. Über sich, sein Leben und das, was er erreicht hatte. Er stellte fest, dass er immer anfing nachzudenken, wenn er eine Nacht mit Aisha verbracht hatte. Das schien ein Auslöser zu sein. Fragte er sich unbewusst, ob sie so weitermachen sollten? Es geschah immer das Gleiche – war es das, was er wollte? Sicher, es lief sehr gut im Bett – und ansonsten? Das konnte er nicht beantworten. Denn wenn er sich mit Aisha traf, merkte er schon sehr bald die Unruhe in ihr. Dann war klar, was spätestens innerhalb der nächsten Stunde passieren würde. Es lief immer wieder nur darauf hinaus. Konnte man nicht einfach auch mal „nur so“ zusammen sein? Oder sich einfach mal nur so aufs Sofa kuscheln, ohne sich gleich gegenseitig die Kleider vom Leib zu reißen? Ein längeres Gespräch führen? Sich zu einem netten Abendessen verabreden und anschließend im Bett nebeneinander einschlafen, und nicht aufeinander?
Ihm schoss ein Satz durch den Kopf, den ein Admiral mal zu ihm gesagt hatte: „Haben Sie auch manchmal den Eindruck, in Ihren eigenen Leben nur ein Statist zu sein?“ Zynisch. Sarkastisch. Und doch irgendwie zutreffend. Und da lag der Hund begraben: Wie sollte er seinem Leben eine Richtung verpassen, wenn sich nicht mal darüber klar war, wo er hinwollte? Hurdel stieß mit der Hand an den Beckenrand. Er hatte die ganze Länge durchschwommen. Jetzt holte er tief Luft und tauchte unter. Das hatte etwas beruhigendes. Unter Wasser waren ganz andere Geräusche zu hören und die im Becken verteilten Scheinwerfer machten ein besonderes Licht. Der Captain atmete aus. Luftblasen bahnten sich ihren Weg zur Oberfläche. Eine nach der anderen. Wie die Jahre, die vergangen waren. Er tauchte wieder auf, holte nochmals Luft und tauchte wieder ab. Mit dem Rücken zur Beckenwand versuchte er, sich auf den etwa einen Meter achtzig tiefen Grund zu setzen. Doch da bemerkte er eine Bewegung in einiger Entfernung. Da war jemand…
Durch die Lichtbrechung des Wassers konnten Menschen unter Wasser nicht sehr gut sehen. Aber Umrisse und Bewegung waren deutlich zu erkennen. Jemand schwamm auf ihn zu. Aisha? Es war eine Frau, soviel konnte er sagen, denn sie trug einen Badeanzug, der einen klaren Kontrast zu ihrer Hautfarbe darstellte. Damit war klar, das das nicht Aisha sein konnte. Aisha war Afroterranerin und hatte dunkle Hautfarbe. Diese Frau war eindeutig europäischer Abstammung. Ob sie überhaupt etwas von ihm wollte, oder auch einfach nur zufällig hier ihre Bahnen tauchte? Doch kaum hatte sich Hurdel diese Frage gestellt, da bemerkte er, dass die Frau die Richtung leicht änderte. Jetzt schwamm sie direkt auf ihn zu. Der Captain tauchte auf.
Er beobachtete das Wasser vor sich. In etwa anderthalb Meter Entfernung kam ein Kopf an die Oberfläche. Eine sportliche junge Frau mit blonden bis dunkelblondem, schulterlangen Haar grinste ihn an. „Hei, James!“, grüßte sie.
„Lilja! Was machst Du denn hier?“
Lilja Sigurdarson schwamm den letzten Meter und stellte sich neben James an den Beckenrand. „Frühsport“, antwortete sie dann, „so wie Du. Du hast jemand anderen erwartet, oder?“
„Was?“
„Du hast jemand anderes erwartet“, wiederholte Lilja geduldig. „Ich seh’s Dir an. Ist Aisha etwa wieder da?“
James seufzte. „Bin ich so leicht zu durchschauen?“
„In letzter Zeit schon“, gab die Frau zu. Sie gehörte der Kernbesatzung der EM-001 ein und war dort für Navigation und Planung verantwortlich als stellvertretende Abteilungsleiterin. „Ich habe den Eindruck, Du weißt nicht so recht, wohin Du willst.“
Hurdel schüttelte den Kopf. „Das ist ja schon fast peinlich. So deutlich wollte ich das eigentlich nicht nach außen tragen. Überall geht Veränderung vor sich, und ich frage mich, was mit mir ist.“
„Das muss Dir nicht peinlich sein. In diesem Konflikt bist Du es gewesen, der unsere Besatzung zusammengehalten hat. Aber dass sich nun alles ändert, wirst Du nicht aufhalten können. Es ist nur natürlich, dass Du Dir Gedanken machst.“ Sie schwieg einen kurzen Moment. „Kann ich Dir was sagen?“
James schloss kurz die Augen. Nicht noch jemand!, dachte er verzweifelt. „Was denn?“, fragte er dann ruhig.
„Meine Versetzung ist durch“, erklärte sie dann ruhig. „Ich kann meine Studien an der Universität Déusiltá fortsetzen. John kommt an den dortigen Stützpunkt der Raumflotte. Wir werden Anfang November umziehen.“ Als sie merkte, dass Hurdel vor sich hin starrte, zog sie die Stirn in Falten. „He, mach‘ Dir keine Gedanken. Ich bin ja nicht weg. Nicht wirklich.“
„Weißt Du, was das Problem ist?“, wollte der Captain wissen. „Wir sind zu gut. Wir sind eine einzigartige Besatzung mit außergewöhnlichen Menschen. Wenn die Leute nicht versuchen, selbst mit ihrem Leben etwas anzufangen, so wie Du, kommt die Flotte und hat Begehrlichkeiten. Man möchte uns verteilen, habe ich den Eindruck. Und ich habe ehrlich gestanden keine Ahnung, wie das ausgeht und wie die neue Crew der EM-001 aussehen wird.“
„Das wird mit ein Grund sein, warum die Flotte diese große Übung an der O.R.C.A. veranstaltet“, überlegte Lilja. „Da werde ich übrigens auch noch mit dabei sein. Und dann gibt’s ein großes Abschiedsfest, versprochen. Ich werde nicht einfach so verschwinden und ich werde nicht weg sein. Okay?“
James seufzte. „Es wird vielleicht noch die Todesstunde“, begann er zu zitieren, „Uns neuen Räumen jung entgegensenden / Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden. / Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“
Sie sah ihn mit großen Augen an. „Shakespeare?“
„Hermann Hesse. Nicht alles, was gut ist, ist von Shakespeare. Andere Dichter hatten auch gute Ideen.“
Cause I am the fool who knows, it isn’t true.
Who was the fool who said that love is all you need?
I’ve got love, but it’s no good for me, cause it’s love for you.“
Mike Batt: „Who was the Fool?“
Der Raum war angenehm warm temperiert. James Hurdel lang bäuchlings, nur noch mit seiner Unterhose bekleidet, auf der Liege eines Raumes des Erholungszentrums von Bislasa Neát. Der Raum trug die Bezeichnung „Virgo“.Wie passend, fand Hurdel. Immerhin ist das ja auch mein erster Besuch hier.
Er war fast vierzig Jahre alt, hatte braune Haare und blaue Augen. Und er war der Kommandant der EM-001, die zentrale Raumstation der Konföderation der Planeten. Freihafen, Umschlagzentrum, Kommandozentrale und noch vieles mehr, alles auf einmal und gleichzeitig. Sie stand im Orbit von Europa, womit der Jupiter-Mond faktisch zum Mittelpunkt des Sonnensystems geworden war. Auf der Station gab es ständig viel zu tun. Nur jetzt gerade nicht, da die Nachwirkungen des Sagittarius-Konflikts noch andauerten und sich die EM-001 gerade im Reparaturmodus befand. Die Zeit, die Hurdel nun hatte, wollte er ausnutzen, um sich von den vergangenen Wochen zu erholen und etwas für sich zu tun. Wie das hier.
Eine junge Dame, vielleicht fünfundzwanzig Jahre alt, kam zur Tür herein. Sie trat an einen knapp einen Meter hohen Seitenschrank heran, in dessen Oberseite ein Waschbecken eingelassen war. Während sie ihre Hände reinigte, warf sie einen Blick auf den Bildschirm, der über dem Schrank an der Wand angebracht war.
„Hurdel?“, fragte sie, ohne sich umzudrehen. „Sind Sie verwandt mit dem Kommandanten der EM-001?“
„Nicht so richtig“, antwortete Hurdel. „Ich bin es selbst.“
Die Frau trocknete ihre Hände ab. „Nun, in dem Fall willkommen zu Ihrem ersten Besuch in unserem Erholungszentrum.“
„Ich stellte schon fest, dass der Name des Raums für meinen ersten Besuch hier passend gewählt ist.“
„Ach ja?“
„Ja. Virgo – die Jungfrau. Sie verstehen?“
„Ach so.“
Sie öffnete den Schrank und nahm ein Handtuch heraus. Sie entfaltete es und legte es James über die Beine. Dann nahm sie ein durchsichtiges Gefäß, in dem sich eine Flüssigkeit befand, aus einem Gerät, das neben dem Waschbecken gestanden hatte.
„Mein Name ist Jana“, erklärte sie. „Ich werde jetzt anfangen, Sie zu massieren.“
Sie leerte etwas von der Flüssigkeit in ihre offene Hand und stellte das Gefäß wieder in das Gerät zurück. Anschließend verteilte sie die Flüssigkeit mit sanften Bewegungen auf dem Rücken des Captains.
Vorgewärmtes Massageöl, schwärmte jener im Gedanken. Ich bin jetzt schon begeistert.
„Was haben Sie denn mit Ihrem Rücken gemacht?“, hörte er Janas Stimme fragen.
„Ich war nicht immer Stationskommandant“, antwortete James. „Ich war Arzt, hatte viel körperlich zu arbeiten. Und bin nie dazu gekommen, auch mal etwas für mich zu tun. Und seit ich Kommandant bin, auch nicht mehr. Vor allem die letzte Mission war sehr anstrengend und sehr ungewöhnlich.“
„Normalerweise würde ich mich freuen, mehr darüber zu hören“, kam es zurück. „Aber ich fürchte, da reichen die fünfzig Minuten, die für diese Sitzung angesetzt sind, nicht. Außerdem sollten Sie nicht so viel erzählen, sondern mehr entspannen. Und ‚entspannen‘ ist das Gegenteil von dem Zustand, in dem sich Ihr Rücken befindet. Merken Sie das?“
Sie drückte mit dem Daumen auf eine Stelle unterhalb seines rechten Schulterblatts. Das war schmerzhaft, außerdem fühlte es sich an, als würde dort eine Walnuss unter der Haut sitzen.
„Au!“, machte Hurdel. „Ja, ich merke es.“
„Sie haben ein paar solcher Stellen an ihrem Rücken. Wollen mal sehen, was wir da tun können. Anschließend würde ich Ihnen unsere Sauna empfehlen. Und in Zukunft sollten Sie versuchen, mehr für sich zu tun.“
Janas Hände wanderten über James‘ Rücken, wobei sie verschiedene Massagegriffe anwandte.
„Wie kommt den ein Arzt dazu, eine Raumstation zu kommandieren?“, wollte sie plötzlich wissen.
„Eben sagen Sie noch, dass uns die Zeit nicht reicht“, entgegnete Hurdel, „und jetzt wollen Sie auf einmal meine Lebensgeschichte hören?“
„Die Kurzfassung. Ich bin eben neugierig.“
„Ich bin vor zweiundzwanzig Jahren auf die Akademie der Raumflotte gegangen und wollte den Weg zur Schiffsführung einschlagen. Nun hatte ich das Pech, während einer Übung den Kommandanten einer Bodenstation spielen zu müssen, als aus dem Spiel Ernst wurde und wir von realen Feinden angegriffen wurden. Das hat mich sehr zum Nachdenken gebracht, also habe ich den Nebenkurs Biologie, den ich gemacht habe, zum Hauptkurs gemacht und bin auf Medizin umgeschwenkt. Da habe ich auch recht lange gearbeitet, zuerst auf der EUROPE, später auf der HOOD, dann hat man mich gnädigerweise zum medizinischen Leiter einer neuen Schiffsklasse befördert. Dabei geriet ich wieder in so eine Geschichte, in der ich meine Führungsqualitäten beweisen musste. Das war einigen Verantwortlichen offenbar genug, um mir den Posten der EM-001 anzubieten. Und ich wäre ein Dummkopf gewesen, nicht anzunehmen. Ende dieser Geschichte.“
„Das war jetzt aber eine sehr kurze Fassung.“
„Dann warten Sie ab, bis ich meine Memoiren herausbringe. Da können Sie dann alles nachlesen.“
„Oder sie kommen einfach häufiger her. Das täte Ihrem Rücken gut und Sie könnten mir jedesmal eine neue Episode Ihres Lebens erzählen.“ Sie hielt inne. „Haben Sie denn keine Massagekräfte auf der Station? Ich meine, in Ihrer Position sollte die Flotte doch alles tun, um Ihre Arbeitskraft zu erhalten.“
Hurdels Rücken unter ihren Händen begann zu beben. Sie war irritiert, doch dann merkte sie, dass das daran lag, dass er lachte. „Das war ein richtig guter Witz“, amüsierte er sich. „Verzeihen Sie meine Wortwahl, aber die Flotte gibt einen Rotz darauf, ob meine Arbeitskraft erhalten bleibt oder nicht. Wenn ich nicht mehr kann, werde ich ersetzt. So einfach ist das. Eigentlich war das in allen Positionen und Rängen, die ich durchgemacht habe, so. Ja, wir haben Massagekräfte auf der Station, aber die müssen wir selbst zahlen. Höchstens wenn jemand eine ernsthafte Erkrankung hat, dann kriegt er vielleicht etwas verschrieben. Ich kam hierher, weil ich von dem Ruf, den Bislasa Neát hat, gehört habe.“
Bislasa Neát war eine Art Klosteranlage. Ihr Name bedeutete in der Sprache der ursprünglichen Einwohner von Europa „Ort der Heilung“. Man konnte herkommen auf den Jupiter-Mond und sich behandeln lassen oder als Mediziner Studien betreiben. Bislasa Neát war bekannt für seine riesige medizinische Bibliothek, die einen großen Teil des gesamten Wissens des Sonnensystems umfasste. Nachdem die Zukunft des Klosters ungewiss gewesen war, waren die Ritter der Ehre gekommen und hatten es übernommen. Sie führten es im Geist der ursprünglichen Bewohner weiter, sammelten Wissen und Weisheit und begrüßten Gäste, die für eine Auszeit herkamen, egal wie kurz diese sein mochte.
„Nun, Captain“, stellte Jana fest, „diese Behandlung müssen Sie auch selbst zahlen, nicht wahr? Vielleicht sollten Sie den Leuten auf Ihrer Station eine Chance geben.“
„Wenn ich die Zeit dazu finde...“
Die Masseurin stellte sich direkt vor ihn, um so von oben her seine Schultern besser erreichen zu können.
„Wenn etwas wichtig ist, Captain“, sagte sie beinahe streng, „dann nimmt man sich die Zeit. Ihr Körper hat Ihnen bisher gute Dienste geleistet. Er verdient es, dass Sie gut mit ihm umgehen. Und da Sie das Sagen haben auf der Station, sollten Sie Ihren Untergebenen die gleiche Möglichkeit geben.“
„Das hat sie gesagt?“
Isabella Wlczek sah James überrascht an. Sie war eine vierunddreißigjährige, schlanke Frau mit braunen Augen und dunklen Haaren, die leicht rötlich schimmerten. Die Haare hatte sie zu einem Knoten am Hinterkopf zusammengedreht, so dass man nicht sehen konnte, wie lang sie wirklich waren. Sie war Hurdels Stellvertreterin auf der EM-001. Jetzt, nachdem sie diesen Satz gesagt hatte, wandte sie sich von ihrem Gesprächspartner ab und drehte sich wieder so, dass die Düse, die sich knapp unterhalb des Wasserspiegels des Beckens befand, ihre ganze Kraft auf ihre Schultern richtete.
„Das hat sie gesagt“, wiederholte der Captain. „Es hat mich etwas nachdenklich gestimmt. Weißt Du, nur weil wir für die Flotte nur Nummern und Kostenfaktoren sind, heißt das noch lange nicht, dass wir unsere Untergebenen auch so behandeln müssen.“
Er bewegte sich hin und her. Die Düse, vor der er stand, war tiefer angebracht, ungefähr auf Kniehöhe. Nach der Massage tat es sehr gut. Isabella und er befanden sich in den Solebädern von Bislasa Neát. Die Salzquelle war der Grund gewesen, warum das Kloster ausgerechnet an dieser Stelle errichtet worden war. Die Bäder waren weithin bekannt.
„Das ist schon richtig“, nahm Isabella seinen Gedanken auf, „aber was weiter? Sicher wäre es zu begrüßen, wenn die Flotte ihren Leuten die Erhaltung der eigenen Arbeitskraft bezahlen würde, aber sie tut es nicht. Daran werden wir nichts ändern.“
„Schon, aber wir haben doch Möglichkeiten. Auf der Station werden die verschiedenen Einrichtungen von Firmen betrieben, Massagezentren, Fitnessstudios und dergleichen. Wenn wir mit den Leuten reden, können wir für unsere Untergebenen vielleicht Vergünstigungen erwirken.“
„Du meinst, weil wir damit argumentieren können, dass dann mehr von unseren Leuten kommen?“
„Genau so. Das Stationspersonal arbeitet hart, es wäre doch gelacht, wenn wir nicht irgendetwas zu dessen Gesundheit beitragen könnten.“
Isabella nickte. Die Massagedüsen wurden abgeschaltet. Sie und James verließen das Becken und gingen hinab auf die untere Ebene, wo es ein kleines Becken gab, in dem das Wasser 12 % Sole enthielt. Man konnte sich auf die Wasseroberfläche legen und sich treiben lassen. Allerdings musste man sich am Rand des Beckens festhalten, denn durch die Düsen, über die frisches Wasser ins Becken gepumpt wurde, entstanden Strömungen und man musste darauf achten, nicht mit anderen Badegästen zusammen zu stoßen. James wollte sich gerade hinlegen, als Isa ihn ansprach.
„Warte“, meinte sie, „leg Dich hin und lass den Rand los. Und Augen zu!“
Er tat, was sie gesagt hatte. Nachdem er sich auf die Wasseroberfläche gelegt und die Augen geschlossen hatte, spürte er ihre Hände in seinem Genick. Sie hielt ihn vorsichtig fest, damit er nicht mit den Strömungen trieb, sich aber völlig entspannen konnte.
Und das tat er. Es dauerte nicht lange, und ein wohliger Zustand stellte sich ein. Gedanken, die kamen, wurden in Watte gepackt und erst einmal weggestellt. Das Universum hörte auf zu existieren. Es gab nur noch das warme Wasser und die vorsichtige Berührung von Isas Händen.
Wie lange er so dagelegen war, konnte er nicht mehr sagen, als Isa ihm auf die Schulter tippte. Äonen oder Sekundenbruchteile, das machte keinen Unterschied mehr. Er war völlig entspannt und erhob sich.
„Okay“, lächelte er. „Jetzt Du!“
Isa lächelte zurück und legte sich hin. James stellte sich hinter sie und fuhr mit beiden Händen unter ihr Genick und ihre Schultern. Er merkte sehr schnell, was er tun musste, damit sie an der Position blieb, an der sie war und nicht mit einem der anderen Badegäste zusammenstieß. Die Entspannung, die kurz darauf eintrat, war deutlich in Isas Gesicht zu sehen. James seufzte. So viel hatten sie gemeinsam erlebt, doch was würde jetzt werden? Große Veränderungen standen an nach dem Krieg, das war ihm bewusst.
Doch jetzt sah alles so friedlich aus. James erwischte sich bei dem Gedanken, ob er und Isa wohl ein gutes Paar abgäben. Was war denn nur los? Wahrscheinlich war das in letzter Zeit alles ein bisschen viel gewesen. Und er fühlte sich unvollständig, mehr denn je. Er hatte keine Ahnung, wie es weitergehen würde. Aber da war es mit Sicherheit nicht der Einzige. Im Gegenteil, gerade in der Situation, in der sich das Sonnensystem befand, gab es sicherlich unzählige Bewohner, denen es ähnlich ging, wenn auch nicht aus den selben Gründen. Hurdel verlor sich so in seinen Gedanken, dass er die Zeit nicht bemerkte, die verstrich.
Plötzlich öffnete Isa die Augen. Sie erhob sich. „Du wolltest mich wohl länger schwimmen lassen?“, meinte sie lächelnd. Dann drückte sie James einen Kuss auf die Wange. „Danke!“
Dieser atmete tief durch. „Lass uns was essen“, schlug Isabella vor.
Die beiden verließen das Becken. Ein paar Minuten später saßen sie, in weiße Bademäntel gehüllt, an einem Tisch des Restaurantbereichs der Bäderanlage. Das Essen wurde hier von wirklichen Köchen zubereitet und war weithin berühmt. Nachdem eine Kellnerin die Bestellung aufgenommen hatte, begannen sie, dienstlich zu werden.
„Wie sieht es aus?“, wollte Hurdel wissen. „Wie weit ist die Station? Wird der Zeitplan eingehalten werden?“
„Das dürfte möglich sein“, antwortete Isabella. „Aber es bleibt dabei: Zwei Jahre wird es dauern, bevor ein regulärer Betrieb wieder möglich ist. Hast Du etwas von Beatriz gehört?“
„Das ist schon länger her. Ihrem Vater ging es nicht gut und sie hat den Urlaub genutzt, um bei Ihrer Familie auf der Erde zu sein. Kann sein, dass sie verlängert.“
„Wir müssen einige Umstellung in der Stammbesatzung vornehmen. Nicht nur, dass wir gerade eine ziemliche Fluktuation haben, außerdem wurden zwei Abteilungen, die Technik und die Operatings, zu einer zusammengelegt. Kostengründe. Auch wenn die Station nicht voll einsatzklar sein wird, die Arbeit geht nicht aus.“
„Das habe ich sowieso nicht erwartet. Es ist immerhin die EM-001. Die EM-001!“
„Wir kriegen außerdem noch eine Kadettin als Praktikantin für die Kommandostation“, fügte Wlczek hinzu.
„Auch noch? Wie soll ich mir nur die ganzen neuen Namen merken?“
Sein Gegenüber verzog den Mund. „Versuche doch, Dir mit den Namen Eselsbrücken zu bilden.“
„So? Und wie heißt unsere neue Praktikanin?“
Isabella bückte sich und griff in die Umhängetasche, die neben ihr auf dem Boden stand. Sie holte ein kleines, rechteckiges Gerät mit einer schwarzen Hülle heraus und aktivierte es.
„Wow“, meinte Hurdel, als er es sah. „Sind das die neuen Multigeräte?“
„Ja“, kam es knapp zurück. „Sind etwas breiter als die Alten, aber dafür nicht so dick.“
Das Multigerät war Kommunikationseinheit, Datenbank und Kleincomputer in einem und verfügte dazu noch über eine Kamera.
„Und es gibt sie auch in Silber“, fuhr sie fort, während sie das Gerät aufklappte und sich über dessen Oberfläche eine holografische Projektion bildete. Sie rief ein paar Daten ab.
„Also, für Deine Eselsbrücke: der Name unserer Kadettin ist Friederike Brockhaus.“
Hurdel sah sie mit großen Augen an. „Tut mir leid“, stellte er fest, „dazu fällt mir nichts ein.“
Isabella zuckte mit den Achseln. Dann wechselte sie das Thema. „Unabhängig davon, wir haben einige Posten neu zu besetzen. Vor allem jetzt, da die Wissenschaft auch noch dazu gekommen ist.“
James wurde hellhörig. „Wissenschaft?“
„Weißt Du das nicht? Hast Du denn nicht vor fünf Tagen das Update gekriegt?“
„Nein, habe ich nicht. Oder redest Du von Malin?“
„Nein. Dass Malin gehen würde, war ja schon sehr bald klar. Es ist nur wegen Katerina, die vorgesehen war, ihren Posten zu übernehmen.“
„Katerina? Was ist mit Katerina?“
Sie antwortete nicht. Stattdessen sah sie ihn nur an.
„Also sie auch“, murmelte er schließlich. „Damit rückt Pjotr in der Reihe auf. Wir brauchen nur noch einen Stellvertreter für ihn.“
„Da ist noch was.“ Isabella wirkte verlegen, doch in diesem Moment kam der Kellner und brachte die Getränke. Dann nahm er die Essensbestellung auf. Nachdem er endlich wieder weg war, nahm die junge Frau das Gespräch wieder auf. „Meine Position soll geändert werden“, sagte sie. „Weißt Du was davon?“
„Selbstverständlich“, meinte Hurdel mit dem Brustton der Überzeugung. „Ich habe Dir schließlich eine gute Bewertung gegeben.“
„Dass ich auf die USS MOZART versetzt werden soll, war Deine Idee?“
Jetzt erstarrte der Captain vollends. Er blickte Isa mindestens eine Minute regungslos an. Es war, als hätte es in seinem Gehirn einen Kurzschluss gegeben. Wovon redete sie da?
„MOZART?“, war das erste Wort, das es wieder über seine Lippen schaffte.
„Also offenbar nicht Deine Idee.“
„Natürlich nicht! Ich wollte, dass Deine Position verbessert wird, weil Du es verdient hast – aber nicht, dass Du dann gleich in die Walachei versetzt wirst.“
„Die MOZART ist ein Forschungsschiff“, erklärte sie weiter, „die Aufgabe wird sein, für SPACE CRUISE Regionen zu erkunden, zu kartographieren und auf Sicherheitsaspekte zu prüfen. Eine große Chance für meine Karriere.“
Hurdel nahm einen Schluck aus seinem Glas. „Ich habe vor ein paar Tagen mal zu jemandem gesagt, dass meine Besatzung auseinanderbricht, aber dass es so heftig ist, hätte ich nicht gedacht. Ich kann mir ja quasi komplett neue Leute suchen, wenn das so weiter geht. Und es steht immer noch nicht fest, was wir in den kommenden zwei Jahren tun, solange die EM-001 nur auf Sparflamme fährt. Zunächst ist ja nur diese große Übung auf Terra angesetzt.“
„So sieht es aus. In letzter Zeit ist zu viel passiert. Aber manchmal können wir das Tempo des Lebens eben nicht selbst bestimmen.“
Die Kellnerin kam und brachte das Essen.
Drei Stunden später saß Hurdel in dem Zimmer von Bislasa Neát, das er sich gemietet hatte, vor dem Bildschirm seines Computerterminals. Er starrte die schwarze Oberfläche an. Sollte er das wirklich tun? Er wusste doch zu genau, worauf das hinauslaufen würde. Fünf Minuten grübelte er. Dann aktivierte er den Schirm und rief ein Kommunikationsprogramm auf. Er wählte einen Eintrag seines persönlichen Telefonbuchs aus. Es dauerte zehn Sekunden, dann öffnete sich ein Fenster, in dem das Gesicht einer Afro-Terranerin erschien.
„James!“, sagte sie überschwänglich, als sie ihn erkannte. „Schön, dass Du anrufst.“
„Hallo, Aisha!“, sagte James.
Die Dunkelheit wich langsam, und zwar genau in dem Tempo, in dem sich James Hurdels Augen öffneten. Licht kam durch die Fenster in den Raum.
Wo bin ich? Wer bin ich? Warum bin ich hier?
Als er den Kopf hob, knackte seine rechte Schulter, auf die er sich dabei abstützte. Vermutlich waren die philosophischen Fragen direkt nach dem Aufwachen doch etwas zu viel gewesen. Aber sein Gehirn hörte nicht auf, Fragen zu stellen.
Warum liegt auf der Betthälfte neben Dir eine zweite Decke und ein zweites Kissen? Warum hast Du keinen Schlafanzug an?
Die zwei Fragen in Kombination ergaben eine sehr spannende Antwort. Doch die nächste Frage kam schon.
Wo ist Aisha?
Er schob die Decke zur Seite und setzte sich an die Bettkante. Dann fuhr er sich mit beiden Händen durch seine dunkel-blonden Haare. Er sah bestimmt furchtbar aus.
„Computer“, sprach er in den Raum. „Wie spät ist es?“
„Guten Tag, Captain Hurdel!“, antwortete die Stimme des hauseigenen Computers. „Heute ist der 4. Oktober 2434, es ist 8.38 Uhr Standardzeit. Sie haben heute keine Termine.“
Hurdel stand langsam auf und ging zu einem der beiden Fenster seines Zimmers. Der Computer hatte sich nicht geirrt, es war heller Tag. Ein diffuses Licht fiel auf die Klosteranlage, die sich unter ihm ausbreitete.
„Computer“, sagte Hurdel. „Ich hätte gern etwas Musik. Zufällige Wahl.“
Ein Piepton bestätigte den Befehl und kurz darauf war eine Gitarre zu hören. „No one knows what it’s like“, sang eine Stimme, „to be the bad man, to be the sad man – behind blue eyes.“
Der Captain schüttelte den Kopf. Das war ja eine tolle Auswahl, die der Computer da getroffen hatte. The Who am frühen Morgen. „No one knows what it’s like, to be hated, to be fated – To telling only lies.“ Er tappte ins Bad. Als er vor der Dusche stand, wollte er sich ausziehen, merkte allerdings schnell, dass das sinnlos war. Er drehte das Wasser auf und trat unter den Strahl, als es die richtige Temperatur hatte. Was war das für ein Abend gewesen. Nein, er hatte nicht getrunken. James Hurdel trank nie. Aber wer hätte gedacht, dass Aisha tatsächlich noch auf einen Sprung vorbeikommen würde, nachdem er sie angerufen hatte?
Das Lied wechselte seinen Stil. Pete Townshend drehte jetzt richtig auf, eine hart geschlagene E-Gitarre klang durch die Räume. „When my fist clenches, crack it open“, röhrte die Stimme. „Before I use it and loose my cool. When I smile, tell me some bad news, Before I laugh and act like a fool!“ Hurdel trat aus der Dusche und wickelte sich in ein großes Handtuch. Dann nahm er ein kleineres und begann, seine Haare einigermaßen trocken zu rubbeln. Anschließend legte er das große Handtuch wieder ab und zog einen Bademantel an.
„If I swallow anything evil, Put your finger down my throat. If I shiver, please give me a blanket, Keep me warm, let me wear your coat.“
James kämmte seine noch feuchten Haare zu einem Mittelscheitel, dann verließ er das Badezimmer. Wieder ging er zum Fenster. Es muss 4.00 Uhr gewesen sein, als er und Aisha endlich eingeschlafen waren. Am Morgen, wohlgemerkt. Und jetzt war es gerade mal vier Stunden später. Kein Wunder, dass er so gerädert war. Sein Blick fiel auf die Landschaft und ihm kamen ein paar Worte in den Sinn, die vor kurzem jemand zu ihm gesagt hatte: „Nimm doch nur mal die Landschaft von Europa. Wunderschön, nicht wahr? Und stell Dir vor, unsere Vorfahren waren der Überzeugung, Europa wäre ganz mit Eis überzogen. Sie ahnten lange Zeit nichts von der wahren Beschaffenheit der Jupiter-Monde oder irgendeinem anderen Planeten unseres Sonnensystems. Und genauso muss eben auch mal jemand Dich neu entdecken und erkennen, was Du wirklich bist.“ James seufzte. Wenn sie so redete, klang alles so einfach. War es das wirklich?
„No one knows what it‘s like“, klang es aus den Lautsprechern wieder etwas sanfter und von einer leisen Gitarre begleitet, „to be the bad man, to be the sad man, Behind blue eyes.“
In gewisser Weise hatte er es zu „etwas“ gebracht. Er war der kommandiere Offizier der Raumstation EM-001. Und das seit drei Jahren. Das war nicht immer einfach gewesen, denn es gab genügend Leute, die offenbar den Eindruck hatten, dass er nicht an diese Stelle gehörte. Die warteten darauf, dass er einen Fehler machen würde, damit man ihn „abschießen“ konnte. Des Postens entheben. Kommandant zu sein, war schon verantwortungsvoll genug. Aber mit diesen Leuten im Rücken wurde es noch schwieriger. Trotzdem hatte er sich, zumindest seinem Eindruck nach, recht wacker geschlagen. Auch bei der letzten großen Sache, dieser Angelegenheit mit der Sagittarius-Galaxis, dem Ceel’u-Konflikt und seinen Folgen.
Was Hurdel auf dieser Mission gelernt hatte, war, dass nichts so bleibt wie es ist. Nichts in dieser Galaxis, in diesem Universum war beständiger als der Wandel. So war das auch bei ihm. Die Zusammensetzung seiner Crew würde sich ändern. Nicht nur, weil es auf der letzten Mission Opfer gegeben hatte. Auch weil manche sich weiterentwickeln wollten. Das war ihr gutes Recht. Und er? Hatte er Aisha angerufen, weil er genau wusste, worauf es hinauslaufen würde? Er hatte keine Ahnung. Gedankenverloren öffnete er die Tür zum Balkon und ging hinaus. Das diffuse Licht malte rote Flecken an den Himmel. Eine merkwürdige Atmosphäre lag in der Luft.
In dem Moment hörte er hinter sich Geräusche. Aisha war also doch noch da. Wo hatte sie sich nur versteckt gehabt? Egal. Die Dusche hatte nicht wirklich viel geholfen, stellte er fest. Er musste sich noch auf eine andere Weise frischmachen.
Zwanzig Minuten später schwamm er in einem der Becken der Therme von Bislasa Néat. Aisha wollte nachkommen, also war er noch immer allein. Und so fing er an, Gedanken zu wälzen. Über sich, sein Leben und das, was er erreicht hatte. Er stellte fest, dass er immer anfing nachzudenken, wenn er eine Nacht mit Aisha verbracht hatte. Das schien ein Auslöser zu sein. Fragte er sich unbewusst, ob sie so weitermachen sollten? Es geschah immer das Gleiche – war es das, was er wollte? Sicher, es lief sehr gut im Bett – und ansonsten? Das konnte er nicht beantworten. Denn wenn er sich mit Aisha traf, merkte er schon sehr bald die Unruhe in ihr. Dann war klar, was spätestens innerhalb der nächsten Stunde passieren würde. Es lief immer wieder nur darauf hinaus. Konnte man nicht einfach auch mal „nur so“ zusammen sein? Oder sich einfach mal nur so aufs Sofa kuscheln, ohne sich gleich gegenseitig die Kleider vom Leib zu reißen? Ein längeres Gespräch führen? Sich zu einem netten Abendessen verabreden und anschließend im Bett nebeneinander einschlafen, und nicht aufeinander?Ihm schoss ein Satz durch den Kopf, den ein Admiral mal zu ihm gesagt hatte: „Haben Sie auch manchmal den Eindruck, in Ihren eigenen Leben nur ein Statist zu sein?“ Zynisch. Sarkastisch. Und doch irgendwie zutreffend. Und da lag der Hund begraben: Wie sollte er seinem Leben eine Richtung verpassen, wenn sich nicht mal darüber klar war, wo er hinwollte? Hurdel stieß mit der Hand an den Beckenrand. Er hatte die ganze Länge durchschwommen. Jetzt holte er tief Luft und tauchte unter. Das hatte etwas beruhigendes. Unter Wasser waren ganz andere Geräusche zu hören und die im Becken verteilten Scheinwerfer machten ein besonderes Licht. Der Captain atmete aus. Luftblasen bahnten sich ihren Weg zur Oberfläche. Eine nach der anderen. Wie die Jahre, die vergangen waren. Er tauchte wieder auf, holte nochmals Luft und tauchte wieder ab. Mit dem Rücken zur Beckenwand versuchte er, sich auf den etwa einen Meter achtzig tiefen Grund zu setzen. Doch da bemerkte er eine Bewegung in einiger Entfernung. Da war jemand…
Durch die Lichtbrechung des Wassers konnten Menschen unter Wasser nicht sehr gut sehen. Aber Umrisse und Bewegung waren deutlich zu erkennen. Jemand schwamm auf ihn zu. Aisha? Es war eine Frau, soviel konnte er sagen, denn sie trug einen Badeanzug, der einen klaren Kontrast zu ihrer Hautfarbe darstellte. Damit war klar, das das nicht Aisha sein konnte. Aisha war Afroterranerin und hatte dunkle Hautfarbe. Diese Frau war eindeutig europäischer Abstammung. Ob sie überhaupt etwas von ihm wollte, oder auch einfach nur zufällig hier ihre Bahnen tauchte? Doch kaum hatte sich Hurdel diese Frage gestellt, da bemerkte er, dass die Frau die Richtung leicht änderte. Jetzt schwamm sie direkt auf ihn zu. Der Captain tauchte auf.Er beobachtete das Wasser vor sich. In etwa anderthalb Meter Entfernung kam ein Kopf an die Oberfläche. Eine sportliche junge Frau mit blonden bis dunkelblondem, schulterlangen Haar grinste ihn an. „Hei, James!“, grüßte sie.
„Lilja! Was machst Du denn hier?“
Lilja Sigurdarson schwamm den letzten Meter und stellte sich neben James an den Beckenrand. „Frühsport“, antwortete sie dann, „so wie Du. Du hast jemand anderen erwartet, oder?“
„Was?“
„Du hast jemand anderes erwartet“, wiederholte Lilja geduldig. „Ich seh’s Dir an. Ist Aisha etwa wieder da?“James seufzte. „Bin ich so leicht zu durchschauen?“
„In letzter Zeit schon“, gab die Frau zu. Sie gehörte der Kernbesatzung der EM-001 ein und war dort für Navigation und Planung verantwortlich als stellvertretende Abteilungsleiterin. „Ich habe den Eindruck, Du weißt nicht so recht, wohin Du willst.“
Hurdel schüttelte den Kopf. „Das ist ja schon fast peinlich. So deutlich wollte ich das eigentlich nicht nach außen tragen. Überall geht Veränderung vor sich, und ich frage mich, was mit mir ist.“
„Das muss Dir nicht peinlich sein. In diesem Konflikt bist Du es gewesen, der unsere Besatzung zusammengehalten hat. Aber dass sich nun alles ändert, wirst Du nicht aufhalten können. Es ist nur natürlich, dass Du Dir Gedanken machst.“ Sie schwieg einen kurzen Moment. „Kann ich Dir was sagen?“
James schloss kurz die Augen. Nicht noch jemand!, dachte er verzweifelt. „Was denn?“, fragte er dann ruhig.
„Meine Versetzung ist durch“, erklärte sie dann ruhig. „Ich kann meine Studien an der Universität Déusiltá fortsetzen. John kommt an den dortigen Stützpunkt der Raumflotte. Wir werden Anfang November umziehen.“ Als sie merkte, dass Hurdel vor sich hin starrte, zog sie die Stirn in Falten. „He, mach‘ Dir keine Gedanken. Ich bin ja nicht weg. Nicht wirklich.“
„Weißt Du, was das Problem ist?“, wollte der Captain wissen. „Wir sind zu gut. Wir sind eine einzigartige Besatzung mit außergewöhnlichen Menschen. Wenn die Leute nicht versuchen, selbst mit ihrem Leben etwas anzufangen, so wie Du, kommt die Flotte und hat Begehrlichkeiten. Man möchte uns verteilen, habe ich den Eindruck. Und ich habe ehrlich gestanden keine Ahnung, wie das ausgeht und wie die neue Crew der EM-001 aussehen wird.“
„Das wird mit ein Grund sein, warum die Flotte diese große Übung an der O.R.C.A. veranstaltet“, überlegte Lilja. „Da werde ich übrigens auch noch mit dabei sein. Und dann gibt’s ein großes Abschiedsfest, versprochen. Ich werde nicht einfach so verschwinden und ich werde nicht weg sein. Okay?“
James seufzte. „Es wird vielleicht noch die Todesstunde“, begann er zu zitieren, „Uns neuen Räumen jung entgegensenden / Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden. / Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“
Sie sah ihn mit großen Augen an. „Shakespeare?“
„Hermann Hesse. Nicht alles, was gut ist, ist von Shakespeare. Andere Dichter hatten auch gute Ideen.“


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